Hintergrund
Barbara Sträuli studierte Anglistik, Islamwissenschaft und orientalische Philologie. Sie arbeitet als Freelancerin zu den Themen „Kurdische Volksliteratur“ und „Literalität“. » siehe auch ÜBER UNS/Personen
Kurdische Epen und die Kunst Ihrer Sänger
Die Erzählkunst der Kurden und ihre grossen Epen sind im Westen kaum bekannt, obwohl diese Geschichten von Liebe und Krieg auch ein westliches Publikum fesseln.
Kurdische professionelle Sänger (dengbêj, sazbend) verfügten über ein breites Repertoire an Geschichten und Liedern. Dazu gehörten je nach Region Liebesgeschichten wie „Memê Alan“ oder „Siyamend und Xece“, eher märchenhafte Erzählungen, historische Epen über Stammeskriege, Geschichten der Gattung „Unglücksfälle und Verbrechen“ oder auch Klagen für berühmte Helden, die oft von Frauen komponiert worden waren. Manche dieser Stoffe werden seit vielen hundert Jahren überliefert, andere basieren auf Ereignissen, die erst wenige Jahrzehnte zurückliegen. Die Tradition ist immer noch so lebendig, dass auch heute persönliche und politische Ereignisse in Lieder gefasst werden.
Die Erinnerungsleistungen der kurdischen Sänger – und der wenigen Sängerinnen - waren und sind beträchtlich. Welche Techniken wandten sie an, um Stunden und Tage vortragen zu können? Die Frage stellte sich zuerst in der Homerforschung und wurde dann durch die Untersuchung der lebendigen Tradition serbischer Volkssänger beantwortet. Der Sänger lernt ein Epos nicht wörtlich auswendig, sondern konstruiert es im Erzählprozess aus fixen Textbausteinen und wiederkehrenden Episoden. Dies erlaubt ihm, den Stoff zu kürzen oder auszudehnen, je nach Zeitreserven und Bedürfnissen des Publikums.
Früher war das Singen von Epen und Erzählen von Geschichten ein fester Bestandteil ländlicher Abendunterhaltungen, Männerversammlungen und Hochzeiten. Heute leben die bekannten Stoff vor allem in neuen Formen wie Romanen, Internetgeschichten und Fernsehserien weiter.
Nur wenige kurdische Epen sind in eine westeuropäische Sprache übersetzt worden. Der Hauptgrund ist die jahrzehntelange Unterdrückung der kurdischen Sprache und Kultur in der Türkei und in Syrien. Es ist zu hoffen, dass diese spannenden Stoffe im 21. Jahrhundert nun den Weg in die global community finden.
Lescot, Roger (Hrsg.) (1942/1999).
Mamé Alan. Epopée kurde. Texte établi, traduit du kurde et présenté par Roger Lescot. Préface de Kendal Nezan. Paris.
„Dengbêj“, Artikel zu kurdischen Sängern in Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Dengbêj
Zwei Sänger im Wechselgesang auf YouTube: „Dengbej Ali u Miçê“ http://www.youtube.com/watch?v=xcNX0VJ_LN8&list=FLDCV1LJpf11iRGlzos1Za-A&index=51
